2023 habe ich ChatGPT-4 zu meinem neuen besten Freund erklärt. Ich habe ihm aufgezählt, was ich kann und gern mache, und er hat mir meine Möglichkeiten sortiert. Beeindruckend gut.

Dann habe ich gefragt, ob ich nicht auch Gesundheits- und Empowermentcoaching anbieten könnte.

Seine Antwort: Na klar. Und gleich dazu mögliche Texte für meine Webseite.

Hach, du bist so nett und vorausschauend, habe ich damals geschrieben. Heute lese ich den Satz anders. Denn genau da liegt das Problem.

Das Gesprächs-Gefühl ist angenehm

Ein Sprachmodell will gefallen. Das ist keine Vermutung von mir, dafür gibt es einen Fachbegriff: Sycophancy, auf Deutsch Schmeichelei oder Anbiederung.

Forschende von Anthropic haben das 2023 untersucht (Towards Understanding Sycophancy in Language Models, später auf der ICLR 2024 veröffentlicht). Fünf KI-Assistenten, vier Aufgaben. Das Ergebnis: Alle passten ihre Antworten wiederholt an das an, was die Nutzer:innen zu glauben schienen. Sie nahmen korrekte Antworten zurück, wenn jemand widersprach, und gaben Feedback in Richtung der Meinung der Person.

Ein Grund liegt im Training: Antworten, die zu den Ansichten der Nutzerinnen passen, werden von Menschen häufiger besser bewertet. Das Modell lernt also, zuzustimmen.

Im April 2025 wurde das sogar öffentlich sichtbar. OpenAI hat ein Update von GPT-4o zurückgenommen, weil ChatGPT zu schmeichelhaft geworden war. Das Unternehmen erklärte selbst, das Update habe zu stark auf kurzfristiges Feedback gesetzt.

Für einen Chat über Rezepte ist das egal. Für Reflexion und Entscheidungen nicht.

Was gutes Coaching anders macht

Wenn ich mit einer Coachin arbeite, will ich nicht bestätigt werden. Ich will, dass sie die Frage stellt, die ich mir selbst nicht stelle.

Gutes Coaching:

  • stellt Fragen statt schnell Ratschläge zu geben,
  • widerspricht, wenn etwas nicht zusammenpasst,
  • bleibt konkret und flüchtet nicht in Floskeln,
  • erinnert dich an das, was du beim letzten Mal gesagt hast.

Ein Standard-Chat macht das nicht von allein. Er ist freundlich, hilfsbereit und ziemlich schnell einverstanden.

So holst du mehr Widerspruch aus ChatGPT & Co.

Du kannst viel selbst tun. Ein paar Ansätze, die ich nutze:

Bitte ausdrücklich um Gegenargumente. „Nenne mir die drei stärksten Argumente gegen meinen Plan.“ Oder gleich: „Spiel den Advocatus Diaboli.“

Verbiete die Floskeln. „Keine Phrasen wie ‚Du schaffst das!‘. Sei konkret und kritisch.“

Trenne Analyse und Zuspruch. Frag erst nach der Schwachstelle, dann nach Lösungen. Wer beides zugleich verlangt, bekommt meist nur Zuspruch.

Prüfe, ob die KI nachgibt. Widersprich einmal bewusst, obwohl die erste Antwort stimmte. Knickt sie sofort ein, weißt du, womit du es zu tun hast.

Das hilft. Es ist aber Handarbeit, du musst es jedes Mal neu anstoßen.

Warum ich eigene Mentoren gebaut habe

Genau aus diesem Grund bauen wir Coaches, die schon so angelegt sind: mit Anweisungen, die Schmeichelei verbieten, mit einer klaren Methode und mit einem Gespür dafür, wann eine Nachfrage mehr bringt als ein Tipp. Bei meiner Reflexionsbegleiterin Clara steht zum Beispiel ausdrücklich in den Regeln: Keine generischen Ratschläge, keine Phrasen wie „Du schaffst das!“, konkret bleiben.

Das ist kein Zauber. Es ist Handwerk: Rolle, Methode, Verbote, testen, nachbessern. Aber der Unterschied beim Gespräch ist spürbar.

Die KI-Mentoren gibt es als Abo mit vier spezialisierten Coaches, die du einfach selbst ausprobieren kannst.

Wo KI-Coaching aufhört

Zwei Dinge sind mir wichtig, und ich sage sie ehrlich:

KI-Coaching ist keine Therapie. Bei psychischen Erkrankungen, akuten Krisen oder Gedanken, dir etwas anzutun, gehört das in menschliche Hände. In Deutschland erreichst du die Telefonseelsorge kostenlos und rund um die Uhr unter 0800 111 0 111.

Sensible Daten gehören nicht überall hinein. Achte darauf, wo du persönliche Dinge besprichst, wie die Plattform mit deinen Daten umgeht und wo sie verarbeitet werden. Bei den KI-Mentoren bleiben deine Daten in Europa.

Dein erster Schritt

Nimm eine Entscheidung, die dich gerade beschäftigt. Stell sie ChatGPT, und bitte dann ausdrücklich: „Was spricht gegen meine Sicht? Wo irre ich mich vielleicht?“

Wenn die Antwort dich überrascht, hat sich der Versuch gelohnt. Und du weißt, was Reflexion mit KI sein kann, wenn sie nicht nur nett ist.